— von Andreas Fritsch

Zu dem Artikel „Liturgie-Hammer des Papstes“ in der F.A.Z. vom 28. Juli: Allein wegen dieses Artikels des Freiburger Professors Helmut Hoping lohnt es sich, ihre Zeitung zu lesen. Vielen Dank dafür! ich bin in den Fünfziger-Jahren katholisch sozialisiert worden, aber im Alter von dreißig Jahren aus Gründen der Ehrlichkeit aus der Kirche ausgetreten, weil ich nicht mehr glauben konnte und wollte, was der katholische Katechismus von 1955 lehrte: „Gott will, dass wir auf die Kirche hören. Wir müssen glauben, was sie glaubt und uns zu glauben lehrt.“ Trotzdem blieb die Kirche meine geistige „Heimat“: Kirchengeschichte, Kirchenarchitektur, Kirchenjahr, Kirchenkunst, Kirchenmusik und vieles andere kann und will ich nicht aus meinem Gedächtnis löschen, genauso wenig wie meine verstorbenen Eltern und Lehrer oder die Stadt, in der ich aufgewachsen bin.

Als Zehnjähriger sah ich auf vielen Seiten des Gesangbuchs den lateinischen und den deutschen Text parallel abgedruckt. Das empfand ich eher als Motivation, Latein zu lernen und den sprachlichen Ausdruck zu vergleichen. Ich fühlte mich keineswegs sprachlich ausgegrenzt. Dass nun ausgerechnet die Kirche ihre eigene Tradition, ihre Kirchensprache, ihre jahrhundertealten Riten, die  für abertausend Menschen in aller Welt eine geis-tige und emotionale „Heimat“ waren und bleiben, auslöscht und teilweise sogar verbietet, kann logischerweise kein Werk des Heiligen Geistes sein und macht die Kirche noch unglaubwürdiger als die täglich beklagten sexuellen Untaten von Klerikern.

Es wäre ja auch absurd, die Weihnachtsbräuche zu verbieten, weil die Weihnachtsgeschichte des Lukas einige historische Unstimmigkeiten aufweist, oder Lieder wie „Stille Nacht” oder „Kommet, ihr Hirten” aus dem Gesangbuch zu tilgen, weil sie aus einem unaufgeklärten Dorfmilieu stammen.Ähnlich ist es mit der lateinischen Liturgie, die zusammen mit der Gregorianik und den Vertonungen der bedeutendsten Komponisten aller Zeiten einen unermesslichen Kulturellenschatz darstellt und die emotionale Seite von Millionen Menschen geprägt hat. All diese Leute nun als Traditionalisten zu verspotten oder gar zu verurteilen ist eine unglaubliche Verletzung der Gefühle. 

Dass das Schreiben des Papstes mit den lateinischen Worten „Traditionis custodes“ beginnt und die heutigen Bischöfe als „Hüter der Tradition“ bezeichnet, ist ein paradoxes Kuriosum. Der Text wurde zunächst nur englisch, deutsch, italienisch und spanisch bekannt und nicht in lateinischer Sprache publiziert, die Papst Johannes xxiii., der das 2. vatikanische Konzil einberief, ausdrücklich als „die lebendige Sprache der Kirche” bezeichnete und aktiv gefördert wissen wollte.

Für den historisch und philologisch gebildeten Zeitgenossen ist es befremdlich, dass oft pauschal behauptet wird, dass das Zweite Vatikanische Konzil die lateinische Sprache der Liturgie „abschaffen“ wollte. als ehemaliger Lateinlehrer und -professor bin ich gewohnt, Texte genau zu lesen. Im Artikel 54 der Konstitution über die Liturgie heißt es ausdrücklich: „es soll jedoch Vorsorge getroffen werden, dass die Christgläubigen die ihnen zukommenden Teile des Messordinarius auch lateinisch miteinander sprechen oder singen können.“ Wer aber sorgt heute dafür außer den diskriminierten „Traditionalisten“?

Die schrittweise Eliminierung der lateinischen Sprache aus den Riten ist nicht durch das Konzil gefordert, sondern von anderen Kräften nach dem Konzil bewerkstelligt worden. Ob der jetzige Papst noch Latein kann, weiß ich nicht, aber als Zeitungsleser und Fernsehzuschauer merke ich, dass er vom Latein sehr wenig Gebrauch macht. Schon bei seiner ersten Ansprache merkte man, dass er nicht singen kann oder will, schon gar nicht lateinisch. Auf Franziskus trifft offenbar das ironische Sprichwort zu:
„Jesuita non cantat“, ganz anders als die Päpste vor ihm, die trotz ihres hohen Alters und gebrechlicher Stimme mutig und öffentlich lateinisch gesungen haben.

Was früher auch für viele nichtkatholische Hörer und Zuschauer ein besonderes Ereignis war, der Segen urbi et orbi, ist heute rituell ausgedünnt und jeder musikalischen Schönheit beraubt. der Papst wünscht wie jeder Nachbar oder Kollege „Buon giorno“ und meint damit, dem (un-)gläubigen Volk besonders nahe zu kommen.

Professor Andreas Fritsch, Berlin

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