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Der Didaktikprofessor Stefan Kipf über Lehramtsstudium und Referendariat – und über die Pläne des Berliner Senats

Herr Kipf, was muss eine gute Lehrerin, ein guter Lehrer können?

Eine Menge! Zunächst sein Fach – damit fängt alles an. Mein alter Schulleiter hat immer gesagt: „Wer sein Fach nicht beherrscht, hat keine Zeit, auf dem pädagogischen Klavier zu spielen.“ Dann muss man die Didaktik seines Faches beherrschen. Man muss Kinder mögen. Man muss sich in Pädagogik und Psychologie auskennen. Man muss die Geschichte seines Berufs kennen, damit man nicht immer denkt, man sei der Erste, dem etwas Bestimmtes widerfährt. Man muss es als seine Berufung sehen, Lehrer zu sein, und nicht als einen Job. Sonst gehört man schnell zu den Burn-out-Gefährdeten.

Viele Leute denken, es sei vor allem eine Frage der Persönlichkeit, ob jemand für den Beruf geeignet ist. Stimmt das?

Ja, die Persönlichkeit spielt eine entscheidende Rolle. Das sehe ich ganz deutlich an meinem Fach Latein, das natürlich stark hinterfragt wird. An Schulen, an denen die Lateinlehrer sich nicht in Kinder hineinversetzen können, wird Latein abgewählt und stirbt schließlich. Hat man aber Lateinlehrer, die für ihr Fach begeistern und für ihre Schüler da sind, findet Latein begeisterte Anhänger. In den letzten Jahren ist bei aller Empirie die Person des Lehrers etwas aus dem Blick geraten – der menschliche Faktor scheint manchmal als störend empfunden zu werden. Ich selbst sehe die persönliche Entwicklung der Lehramtsstudierenden als wichtigen Teil des Studiums. Und immer wieder erlebe ich, wie Studierende dabei gewaltige Sprünge nach vorn machen.

Wie gut ist die deutsche Lehrerbildung darin, den angehenden Lehrern die nötigen Fähigkeiten nahezubringen?

Die deutsche Lehrerbildung gibt es ja nicht, denn sie ist durch den Föderalismus und durch die Phasen der Ausbildung stark fragmentiert. Insgesamt ist sie aber sicher besser als ihr Ruf. Allerdings sagen die Studierenden häufig, dass sie sich in der Fachdidaktik besser ausgebildet fühlen als in der Wissenschaft ihres Unterrichtsfachs. Hier ist im Bachelor- und Master-System ein neues Problem entstanden: Die Fachwissenschaft wurde schon ziemlich knapp bemessen. Das wirkt sich gerade in den Fremdsprachen ungünstig aus, wo es zum Beispiel auf die langfristige und intensive Entwicklung sprachlicher Kompetenzen ankommt.

Und wie steht es um den praktischen Teil der Ausbildung, das Referendariat?

Das Referendariat kommt mir in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu schlecht weg: Hier denkt man zu sehr an Extremstress und anderes Negative mehr. Das dürfte aber mit der Wirklichkeit der meisten nichts zu tun haben. Das Referendariat ist stressig, weil man andere Aufgaben und Pflichten als im Studium hat und die Ausbilder in der Schule einen genau beobachten. Dennoch kann diese Zeit auch als kreative und gute Phase erlebt werden. Ich bin meinen Ausbildern immer noch dankbar, sie sind für mich zu Vorbildern geworden. Wer im Übrigen in Berlin studiert hat, muss bestimmt keinen Praxisschock erleiden.

Quelle: Potsdamer Neuesten Nachrichten am 01.10.2013 auf Seite 16 - http://www.pnn.de/wissen/792733/ (Auszug)